Herzliche Grüße von Haus zu Haus

Liebe Leserin, lieber Leser,

Boas sprach zu ihr: Man hat mir alles gesagt, was du getan hast an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tod; du hast deinen Vater und deine Mutter und deine Heimat verlassen und bist zu einem Volk gegangen, das du vorher nicht kanntest. Der Herr vergelte dir, was du getan hast, und belohne dich reich dafür …

 

 

Schön sieht sie aus, die junge Frau auf dem Bild. Sie verkörpert die Moabiterin Ruth, die uns im Tanach, im Alten Testament unserer Bibel begegnet.

Überraschend schön sieht diese Ruth aus; der Maler Julius Schnorr von Carolsfeld hat sie 1828 so in Szene gesetzt. Schnorr von Carolsfeld stand der Narenischen Kunst nahe; jener romantisch religiösen Kunstrichtung, die deutsch sprachige Künstler zu Beginn des 19. Jahr hunderts in Wien und Rom begründeten. Ihr Ziel war die Erneuerung der Kunst im Sinne des Christentums. Bblische Motive und Figuren wurden in verinnerlichter, ernsthafter, beinahe sentimentaler Form dargestellt.
Und so begegnet uns Ruth auf dem Bild: schön, gut gekleidet, ausgeglichen.

Ihre in der Bibel erzählte Geschichte tritt dabei etwas in den Hintergrund. Ruth ist neben Orpa eine der Schwiegertöchter von Noomi und Elimelech. Jene waren gemeinsam mit ihren Söhnen aus
dem judäischen Bethlehem vor einer Hungersnot in das benachbarte Moab geflohen. Dort heirateten die Söhne, die Fremden, einheimische Mädchen – Ruth und Orpa.

Doch die Männer der Familie starben und die drei Witwen blieben mittellos zurück. Während Orpa in ihrer Heimat blieb, zogen Noomi und ihre Schwiegetochter Ruth, die Moabiterin, nach Israel zurück.
Ruth hatte ihren Willen durchgesetzt, gegen den ihrer Schwiegermutter. Musste sie doch als Fremde in Israel mit Zurückweisung und Ablehnung rechnen. Trotzdem ließ sie ihre Schwiegermutter nicht
im Stich.

Diese Geschichte erzählt nicht nur vom Fremdsein, von Flucht und Ablehnung, vom Schicksal von Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft. Sie erzählt vor allem von Treue, von Hilfsbereitschaft und Erbarmen und vom Lohn dafür. Denn Ruth hat Glück. Sie trifft auf einen gütigen Mann, Boas, der ihr erlaubt, auf seinem Acker jene Gerstenähren aufzusammeln, die beim Ernten übriggeblieben
sind. Dies ist zu jener Zeit den Bedürftigen erlaubt, nicht aber den Fremden. Boas aber springt über seinen Schatten. Es beeindruckt ihn, wie sehr sich Ruth um ihre Schwiegermutter kümmert, was sie dafür auf sich genommen hat, welche Treue sie damit zeigt. Dafür umgeht er die Regeln.

Um Menschen zu helfen, die Hilfe nötig haben. Egal, wer sie sind und woher sie kommen. Boas Ernte reicht für jene, die sie brauchen. Auch wenn vielleicht befremdet, dass Ruth auf dem Bild so gar nicht aussieht, als hätte sie Kummer, Verlust und Flucht erlebt, kann uns diese Geschichte auch
heute berühren.

Denn sie erzählt nicht nur vom Fremdsein und von Flucht, sondern auch von Treue und Hilfsbereitschaft. Und davon, dass man auch einmal eine Regel umgehen darf, wenn Jemand Hilfe benötigt.

Ihre Diakonin Kristin von Campenhausen